Philip Dulle

Was wird hier gespielt? Der Independent-Thriller “HomeSick”

Die Bedrohung lauert in den eigenen vier Wänden: Die Cello-Studentin Jessica (Esther Maria Pietsch) zieht mit ihrem Freund Lorenz (Matthias Lier) in die erste gemeinsame Wohnung. Hohe Wände, schicker Berliner Altbau. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch nicht nur der anstehende Cello-Wettbewerb in Moskau, für den sie ausgewählt worden ist, macht Jessica zu schaffen. Ein ganzes Haus und vor allem die ältere Nachbarin von oben scheinen sich gegen die junge Frau verschworen zu haben. Jessica fühlt sich beobachtet, (more…)

Philip Dulle

Berlinale 2015: Die Leiden des jungen Kurt Cobain

Die erste und wichtigste Regel, die sich Kurt Cobain für das Rockbusiness auferlegte, lautete stets: Lerne unter keinen Umständen, auf deinem Instrument zu spielen. Cobain, der kindsköpfige, hochtalentierte und viel zu früh verglühte Stern, Sänger, Gitarrist und Hauptsongschreiber der Grungerock-Band Nirvana, wusste nämlich wie kein Zweiter, dass es in der Rockmusik – und hier insbesondere bei der von ihm Ende der 1980er mitgeprägten Spielart Grunge („We play a fast version of rock’n’roll“) – nicht um das Erlernen bestimmter musikalischer Fähigkeiten geht, sondern vor allem darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, seine Gefühle, den Schmerz, die Freude, den Hass und die zahllosen Ängste und Depressionen in möglichst ungeordnete Bahnen – bestehend aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang – zu lenken.

Cobain, der sich 1994, am Höhepunkt seiner Karriere, von Heroinsucht und Depressionen gezeichnet, (more…)

Tina Goebel

Ich fordere: Mehr Hundeschule für Menschenkinder!

Mein Hund Fabio ist heute vier Jahre alt geworden. Nicht, dass er sich aus solchen Jubiläen etwas machen würde – auf mein morgendliches Geburtstagsständchen wurde mit Brechreiz reagiert.

Aber ich Frauchen werde da schon ein bisschen sentimental. Vier Jahre sind so schnell vergangen. Mir kommt es wie gestern vor, als die Kollegin vom Format ein Mail mit angehängtem Foto aussandte: Eine „handvoll Hund“ (die Hälfte seiner der Körpergröße entfiel damals alleine auf die Fledermausohren) würde ein neues zu Hause suchen. Die Nachbarn hätten es sich doch anders überlegt und wollten ihren Chihuahua-Mix-Welpen wieder hergeben. Spätestens als er kniehoch und zwölf Kilo wog war klar, dass es sich hier um so einiges handelt, nur sicher nicht um einen Schoßhund.

Ich erinnere mich heute noch gut an die Lektionen in der Hundeschule, die ja eigentlich eine Menschenschule ist. (more…)

Sand in den Augen


Clint Eastwood hat einen patriotischen Western im Wilden Osten gedreht und Amerika liebt beide, Direktor wie Film.

Wissen Sie, was ein “Sandfilm” ist? Die New York Times hat mich darüber aufgeklärt, dass es sich dabei um einen Kriegsfilm handelt, der im Irak oder in Afghanistan spielt. Clint Eastwood, Hollywoods heute ältester und angesehendster Western-Macher, konnte nicht anders: 2014 wurde das Jahr seines Western, der im Wilden Osten spielt. Und seit ich am Sonntag nachmittag mit halb Amerika im Kino war, weiß ich, was das heißt.

Die 84jährige Hollywood-Legende hat alles richtig gemacht – zumindest wenn der Kartenverkauf die Richtlinie ist. Über 90 Millionen Euro hat “American Sniper” am langen Wochenende des 17. Jänner in Amerika eingespielt. Keiner der Oscar-nominierten Filme hat das bisher geschafft. Der Film ist gut gemacht und Bradley Cooper ist ein glaubwürdiger Navy Seal. Die Boxoffice-Experten sagen, der Film ziehe eben alle an: die Männer für die Kampfszenen, die Frauen wegen des Familiendramas.

“American Sniper” ist Chris Kyle, der tödlichste Scharfschütze in der Geschichte der US-Armee. Nach 9/11 zieht der ehemalige Cowboy in den Irak in den Krieg, um “sein Land zu verteidigen”. Zurück in den Staaten fragt ihn sein Therapeut, ob er etwas bereut, was er getan hat. Kyle sagt ohne zu zögern: “Oh, ich doch nicht. Wenn die Zeit kommt, werde ich vor meinem Schöpfer stehen und mich für jeden einzelnen Schuss verantworten können.”

Was also lernen wir von diesem Film? Dass Intervention nicht funktioniert und Soldaten oft traumatisiert wieder zu ihren Familien zurückkehren? Ja, kann sein. Manche nehmen wohl diese Botschaft mit. Ob im Sandsturm unter Beschuß oder beim Sturm auf Wohnzimmer mit wimmernden Kindern – so richtig wohl können sich die Soldaten bei ihrer Arbeit nicht fühlen.

Clint Eastwood aber hat hauptsächlich einen patriotischen Film gedreht, in dem die amerikanische Armee heroisch gegen das Böse in der Welt kämpft. Angesichts des brechend vollen, riesigen Kinosaales in Manhattan und zwei Stunden langen Gefechtsszenen, unterbrochen von Momenten mit der unglücklichen Ehefrau zu Hause, hatte ich so meine Zweifel, ob die Leute ins Kino strömen, um sich Gedanken über Sinn und Unsinn von Interventionen im Nahen Osten machen. Der Titel von Clint Eastwoods Alterswerk “American Sniper” suggeriert nur eines: Was Amerikaner wirklich gern mögen ist: zielen, schießen und töten.

PS: Ich bin zwar nicht die Boxoffice-Zielgruppe (Europäerin, 47, Frau), aber mir gefiel ein anderer Film, den ich im Flugzeug sah, viel besser: “A million ways to die in the West”. Auch kein intellektuell anregender Film. Aber er macht sich über alles lustig, worüber Amerikaner sich lustig machen, wenn sie über sich selbst lachen wollen. Und ein paar der seichten Dialoge kamen mir im Vergleich zu “American Sniper” wie eine tiefsinnige Erforschung der amerikanischen Seele vor. So sagt Charlize Theron zu ihrem Co-Star und Regisseur Seth MacFarlane: “Der Westen nervt ntatürlich total. Aber das Grenzland ist ja nicht dein Problem. Was du brauchst, ist bloß ein bisschen mehr Selbstvertrauen.”

Tina Goebel

Warum die Schule endlich ein religionsfreier Raum werden muss

An einem Salzburger Gymnasium wurde ein Philosophielehrer von einer Maturaklasse abgezogen, da er angeblich „zu religionskritisch“ war. Das behauptet zumindest die Initiative „Religion ist Privatsache“ in einer Aussendung.

Der bekennende Atheist hatte seine persönliche Meinung auch im Unterricht vertreten, was angeblich mehrere Eltern gestört hat. Sie hätten so lange interveniert, bis der Direktor ihrem Anliegen nachgekommen sei. Die Schulleitung bestätigte zwar den Klassentausch, gab aber an, dass bei dieser Entscheidung auch andere Gründe mitgespielt hätten, die allerdings wegen Datenschutzgründen nicht genannt werden könnten.

Sollte sich der Vorfall tatsächlich so zugetragen haben, wie von „Religion ist Privatsache“ dargestellt, dann handelt es sich hier um einen handfesten Skandal. Es ist schließlich der Job eines Philosophielehrers, seinen Schülern kritisches Denken nahe zu bringen. Nach den aktuellen Ereignissen sollten und müssen vor allem die Weltreligionen hinterfragt werden. „Zu religionskritisch“ kann eine Diskussion dabei per se nicht sein: Sollte der Lehrer nämlich über das Ziel hinaus geschossen haben, dann wäre zu überprüfen, ob hier ein Tatbestand nach dem Paragraf 283 StGB (Verhetzung; Aufruf zu Gewalt gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft) vorliegt.

Um einen gravierenden Gesetzesverstoß dürfte es sich jedoch nicht gehandelt haben – sonst (more…)

Tina Goebel

Planet der Affen

Wenn ich all meine Gedanken und Gefühle der letzten Tage destilliere, dann bleibt vor allem eines übrig: Absolutes Unverständnis.
Ich kann und will einfach diesen Wahnsinn nicht glauben, der mittlerweile fast tagtäglich über uns herein bricht. Und vermutlich geht es Ihnen nicht anders. Eine Schockmeldung jagt die nächste: In Asien ist schon wieder ein Flugzeug verloren gegangen, islamische Terroristen stürmen in Paris die Redaktion eines Satiremagazins und erschießen zwölf Menschen, weil das Blatt Karikaturen von Mohammed abgedruckt hat, auf die Hamburger Morgenpost wird aus demselben Grund ein Brandanschlag verübt, in Nigeria wird ein 10-jähriges Mädchen als Selbstmordattentäterin missbraucht und auch hierzulande passiert unfassbares, wenn auch weniger drastisches: Das Cafe Prückel in Wien verweist ein lesbisches Paar wegen eines öffentlichen Kusses. (more…)

Tina Goebel

Ai Weiwei auf Alcatraz

Die sagenumwobene Gefängnisinsel Alcatraz bei San Francisco galt lange als sicherste Anstalt der Welt. Eine Flucht schien unmöglich – bis drei Insassen einen genialen Plan ausklügelten und sich mit Löffeln über ein Jahr lang den Weg freischaufelten. Bis heute fehlt von ihnen jede Spur. Die einen meinen, sie seien in den reißenden und eiskalten Strömungen um die Insel ertrunken. Andere wiederum glauben, dass sie unter falschem Namen ein neues Leben in Südamerika starteten.

Heute stellt das Verlassen von Alcatraz kein Problem mehr dar. Im Gegenteil ist es heute viel schwieriger, überhaupt auf die Insel zu kommen. Die Tickets für die begehrte Touristenattraktion sind bereits Wochen im Voraus ausverkauft. Und der Run auf „The Rock“ hat sich nun nochmals verschärft – denn neuerdings gilt Alcatraz auch als Hotspot für Kunstfans aus aller Welt.

Kürzlich startete hier die Ausstellung @Lare des bekannten chinesischen Künstlers und Menschenrechtsaktivisten Ai Weiwei (more…)

Tina Goebel

Obamas Kampf-Radler

Julia Pierson, Chefin des Secret Service und damit Hauptverantwortliche für die Sicherheit des amerikanischen Präsidenten Barack Obama, ist nach einem peinlichen Vorfall zurück getreten. Vor eineinhalb Wochen gelang es einem mit einem Messer bewaffneten Mann über den Zaun des weißen Hauses zu klettern und bis zu einem Empfangssaal vorzudringen. Eher zufällig lief er einem Mitarbeiter des Secret Service über den Weg, der ihn stoppte. Im Auto des Eindringlings fanden die Beamten später zwei Beile, eine Machete und eine beachtliche Menge Munition. Immerhin dürfte es sich bei dem Eindringling nicht gerade um eine Koryphäe gehandelt haben. Obama und seine Familie waren nämlich bereits übers Wochenende nach Camp David geflogen – um dies in Erfahrung zu bringen hätte eine einfache Google-Recherche genügt.

Doch wie konnte es an einem der angeblich schwerst bewachten Orten der Welt überhaupt zu so einem Vorfall kommen?

Ganz ehrlich: Mich überraschte die Nachricht keineswegs. (more…)