Christian Rainer

Christian Rainer

Brief aus der Heimat

Hier ein bemerkenswerter Leserbrief, den ich per Mail erhalten habe. Er ist in der aktuellen Printausgabe von profil abgedruckt.

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Meine Heimat

Ich muss das loswerden. Weil ich ansonsten das Gefühl habe, dass mich dieser Brand, der sich beim Lesen der Zeitungen in mir entzündet hat, verbrennen könnte. Und deswegen muss ich dieses Gefühl wegschreiben, weil ich es leid bin zu schweigen.

Barbara Rosenkranz kandidiert für das Bundespräsidentenamt und hat Potential. Nicht für den Wahlsieg, aber verschiedenste Polit-Institute geben ihr eine Aussicht auf über zwanzig Prozent der WählerInnenstimmen. Ich glaube ich muss nicht viel über die niederösterreichische Landesrätin schreiben; wir reden von einer Frau, die sich nie von den Positionen ihres Ehemannes Horst Rosenkranz, ein Faktor der rechtsextremen – Pseudointellektuellen, distanzieren wollte und die Existenz von Gaskammern als Teil der freien Meinungsäußerung abtut. Ich glaube, dass diese zwei Fakten (unter vielen Weiteren), ohnehin als konkrete Wahlempfehlung für Heinz Fischer zu verstehen sind, aber ich möchte auf etwas eingehen, was Barbara Rosenkranz und ihre Partei immer wieder für sich einnehmen wollen und auch bei dieser Wahl als “Trumpf” ausspielen werden: Die Heimat.

Ich heiße Marko Miloradovic. Ich wurde in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt, weil es in einem brutalen Krieg auseinander gerissen wurde. Heute heißt das Land wieder Serbien. Ich bin 22 Jahre alt und lebe seitdem ich denken kann in meiner Stadt, in meinem Innsbruck. Ich bin Österreicher und Serbe. Für mich ist das kein Widerspruch, kein Integrationsunwille, sondern mein Leben. Ich liebe dieses Land, genauso wie ich mein Serbien liebe. Ich unterscheide mich von meinen FreundInnen, weil ich eine andere Religion habe, mit einer anderen Sprache aufgewachsen bin und weil nicht in jede Disko reinkomme. Auf die Frage, was ich werden wolle, sagte mir man in der Volksschule im vorauseilenden Gehorsam, dass “wir auch gute Arbeiter bräuchten”. Ich wollte Arzt werden. Meine Mutter erklärte mir damals, dass ich mir immer bewusst sein solle, dass “man uns” als AusländerInnen sehe und ich zwei – , ja dreimal besser sein müsse, um die gleiche Ernte einfahren zu können. Heute studiere ich Jus. Arbeite. Zahle Steuern und rege mich auf, wenn das alpine Herrenteam keine Medaille nach Hause bringt. Und wenn ich mal wieder der Einzige bin, der sich im Zug ausweisen muss, meine Identität einer Kontrolle unterziehen lassen muss (wie bildhaft), frage ich mich trotzdem “Was soll ich hier?”.

Das geht an Rosenkranz & Co.: Ich werde den Teufel tun. Mein Nachname endet mit -ic, ich spreche und schreibe besseres Deutsch, als der Großteil der nationalen Gfraster. Ich habe das gleiche Recht die Berge um Innsbruck zu lieben, genauso wie ich weiter über die österreichische Fußballnationalmannschaft motzen werde. Ihr seid nicht jene, die die Heimat gepachtet haben. Die anderen sind auch noch da. Mit dem gleichen Recht nehmen wir uns die Landschaft, den Kafka, die Mentalität und nennen es “unser”. Wir nehmen uns auch das Recht dieses Land und seine weit verbreitete braune Kruste zu hassen, weil wir es lieben – ohne Flagge, ohne falschen Stolz, ohne Nostalgie und ohne Rassismus. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Gustav Heinemann sagte einmal: “Es gibt schwierige Vaterländer. Eines von ihnen Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.”

Ich für meinen Teil, werde mich nie dem starken Gefühl der Ohnmacht beugen, fremd im eigenen Land zu sein. Ich werde dieses Land mit seinen Menschen nicht aufgeben. Da können noch so viele Hausfrauen daherkommen.


Marko Miloradovic

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135 Antworten zu “Brief aus der Heimat”

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    Amt um Auskunft bittest … usw. Immer die scheiss agressiven Reaktionen.

  24. Elisabeth Kern sagt:

    Alle Ausländer sind nicht gleich. Es gibt gute und schlechte. Nur wenn man als
    Alleinerziehende Mutter weniger Rechte, weniger Unterstützung usw erhält als
    die meisten Ausländer dann fragt man sich was hier falsch läuft. Ich gehe Tag
    für Tag arbeiten. Bin nicht zuhause und krieg fünf Kinder und lass mich dann
    von dem österreichischen Staat aushalten!!!! Die Kinder haben kein Benehmen.
    Sagt man was, wird man beschimpft. Alles bitte mit Mass und Ziel. Ich kann mir
    keine Mietkaufwohnung leisten, aber soviele Ausländer schon. Woher. Ich dachte
    sie flüchten aus ihrem Land und haben kein Hab und Gut! Der österreichische
    Staat ist ja so grosszügig und wir haben ja selber keine hilfsbedürftigen Menschen
    die auf der Strasse leben. Nein, es geht ja allen so gut!

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    Was wird denn hier zugespamt ?
    Der Brief ist wirklich gut !

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  30. Wenn Herr Marko Miloradovic wie er sagt Österreicher und Serbe ist, dann ist er offensichtlich auch Österreichischer Staatsbürger und ich darf sagen, dass ich als Österreicher schon ein bisschen stolz auf so einen Österreicher bin!

    Klare Worte Herr Miloradovic; sie sprechen mir aus der Seele. Ich bewundere Ihren Mut, die Dinge so beim Namen zu nennen. Wie wir beide wissen, gewinnt man mit dem unverblümten Ansprechen von heiklen Themen in diesem Land ja nicht immer sofort nur Freunde.

    Und wenn Sie nicht Österreichischer Staatsbürger sind, dann freue ich mich zumindest, dass ich so einen Mitbewohner in Österreich habe. Ich wünsche Ihnen noch viele schöne Jahre in diesem schönen Land.

    Alles Gute für Sie! Herzlichst
    Walter Pötsch

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  32. Mathew Kanniakonil sagt:

    Ein “wir lassen uns nicht einschüchtern” motivierender Brief. Ich bin sehr beeindruckt. Dieser Brief wird Spuren hinterlassen. Danke Marko für dein Statement!

  33. Monika Rudrich sagt:

    Schön, dass es Menschen wie dich gibt, diesen Brief kann man nicht oft genug lesen.

  34. Bibo sagt:

    wieso fällt mir bei dem leserbrief nur der Film von Günter Wallraff (Schwarz auf Weiß) ein? Übrigens: Bemerkenswert – scheinbar fehlen die ganzen Poster aus der einen Ecke…

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