Robert Treichler

Lieber Gott, großer Jahwe, verehrter Allah, geschätzter Manitu, sehr geehrte Götter!

Für die Dauer der Anrede will ich nochmal die Prämisse zulassen, Eure Existenz sei gegeben. Dies jedoch nur, um festzustellen: Es gibt Euch definitiv nicht. Jedenfalls nicht als Schöpfer des Universums. Das ist seit heute so gut wie amtlich.Stephen Hawking, der berühmteste lebende Physiker, und sein Co-Autor Leonard Mlodinow kommen in ihrem neuen Buch “Der Große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums” (Rowohlt) zu dem Schluss, dass es für das Zustandekommen der Welt keines Schöpfers bedarf. Zitat: “Weil es ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt, kann sich das Universum selbst aus dem Nichts erschaffen.”

Liebe Götter, es war nicht immer schön mit Euch, eigentlich war es meist scheußlich, aber wir stolze Geschöpfe aus dem wunderbaren Nichts wollen nicht nachtragend sein. Nur eines noch: Für Euch war’s das jetzt.

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23 Antworten zu “Lieber Gott, großer Jahwe, verehrter Allah, geschätzter Manitu, sehr geehrte Götter!”

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    So sicher bin ich mir da nicht: wir haben doch ein paar tolle Länder auf den beiden amerikanischen Subkontinenten. Darunter eine Supermacht in jeder Hinsicht; Kanada völlig unauffällig eines der liberalsten Länder der Welt; Brasilien u.v.a. von Stefan Zweig beweihräuchert. Und anderswo: Australien soll sich ja auch ganz gut machen. Andererseits läuft es in großen Teilen Afrikas ganz und gar nicht.

    Sagen wir mal: Wenn Völkermorde und Kulturvernichtung möglichst vervollständigt werden, scheint durchwegs Gutes dabei rauszukommen. Des Universums Gleichgewicht ruht dabei in sich, das System bleibt stabil, ja stabilisiert sich sogar. Im Gegenteil ist ausgerechnet ein Gutteil Afrikas, dessen Einwohner und Kuturen wir nicht augerottet, sondern nur versklavt, verstümmelt und vergewaltigt haben, in Teufels Küche.

    Wenn das System “Gott” irgendwie auf Destabilisierungen moralischer Art reagiert, macht es das nur ausnahmsweise, und dann recht makaber. Als würde es gar nicht existieren.

  17. Stefan Mitterer sagt:

    Lieber Herr Treichler!

    Ja, ich gebe Ihnen vollkommen Recht, muss jedoch auch dies wieder etwas einschränken. Es gibt keinen Gott, zumindestens nicht in dem Ausmaß, wie wir ihn zu kennen glauben. Gott ist nichts anderes als eine Umschreibung des Universums, des Systems, das uns umgibt. Eingriffe in dieses System haben eben Auswirkungen, die leichtgläubige Menschen als “Gottes Strafe” interpretieren. Es lohnt sich daher, auf dieses System zu achten und daher ist jeder Erdenbewohner angehalten, sich um seinen Nächsten zu kümmern und überall, wo Unrecht geschieht laut naufzuschreinen, denn das würde das System stabiliseren. Ob wir beten oder nicht, uns kasteien und jeden Sonntag in die Kirche gehen oder aus der Kirche austreten, ob wir gen Mekka pilgern oder sonstwohin ist Gott vollkommen egal. Gott sitzt nicht dort oben und bewertet, “es” reagiert auf unser Tun und wir haben es in der Hand, unser Schicksal selbst zu steuern.

  18. MJ sagt:

    1. Ich kenne das Buch nicht, nur das Zitat – und daher auch nicht die ganze Begründung der Autoren. Da der Satz vorab in die Öffentlichkeit getragen wurde, liegt es ziemlich nahe, dass es sich dabei eher um eine Art kumulative Bemerkung als um ddie ganze Begründung handelt. Genau aus diesem Grund halte ich mich mit Argumenten auch zurück. Das “wie” kann sich ja auch auf eine gewisse, etwa mathematische, Form von Gesetzen beziehen, und ohne weitere Informationen is die Vermutung, dass damit theoretisch auch ein anderes an seine Stelle treten könne, Kaffeesudleserei. Vage ist in diesem Sinne die Informationslage zu dem Buch, ob es der Satz ist, steht in den Sternen (und im Buch).
    2. Ja, gut. Und? Hat Hawking etwas von “absoluter Wahrheit” gesagt, oder wie kommt das hier rein?
    3. Ich detektiere vor allem einen groben Mangel an Humor. War eher eine Beschwerde über die deutsche Sprache. Was lesen sie bitte für wissenschaftliche Literatur – würden Sie mir bitte eine Artikel verlinken, der so einen Satz enthält? Danke.
    4. Wie gesagt, ich pflege mich zu informieren bevor ich scharf schieße (Missverständnisse kommen auch so schon genügend vor), und nicht PR-Zitate für die ganze Sache zu halten.
    Im übrigen ist mir der Zusammenhang mit religiösem Glauben jetzt noch weniger klar.

  19. ewald huber sagt:

    Antwort auf MJ:
    1. Mit vage habe ich nicht das Gravitationsgesetz gemeint, sondern die Formulierung im Zitat. Würde der Satz lauten: “Weil es das Gesetz der Schwerkraft gibt, kann sich … usw.”, wäre nichts vage. Er lautet aber: “Weil es ein Gesetz WIE… usw.” Semantisch bedeutet das WIE, dass theoretisch auch ein anderes Gesetz an die Stelle des Gravitationsgesetz treten könnte. Und dann bleibt eben vage, welches.
    2. Prämissen, die als evident angenommen werden, heißen Axiome. Die evidente Annahme macht sie weder falsch noch unsinnig. Beweisbar im strengen Sinn sind sie allerdings nicht, sondern sie werden behauptet- in der Mehrzahl der Fälle mit gutem Grund. Zwischen einer wohlgegründeten Behauptung und einer absoluten Wahrheit ist allerdings ein Unterschied. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, dass Axiome irrig sein können (z.B. Newtons Annahme der Absolutheit von Raum und Zeit). Dann müssen bessere Axiome entwickelt werden.
    Der Gedanke, dass die Relativität der menschlichen Erkenntnis auch für die naturwissenschaftliche Erkenntnis gilt, stößt allerdings bei vielen Leuten auf Widerstand, weil sie den gängigen Sichtweisen zuwider läuft. Andererseits: Was ist so schlimm daran, dass Theorien von besseren Theorien abgelöst werden?
    3. Die deutsche Sprache erlaubt überhaupt nix, weil sie weder Gesetzgeberin, noch Erzieherin ist. Die sprachpolizeiliche Kritik an meinem “Sprachkonstrukt” mit der Formulierung “einer der Entstehung des Universums vorausliegenden Bedingung der Möglichkeit” kann ich nicht nachvollziehen. Der Satz ist grammatikalisch korrekt und im Verhältnis zu Sätzen, wie sie in der wissenschaftlichen Literatur Gang und Gäbe sind, einfach formuliert.
    4. Interessant ist, dass MJs Beitrag mir zwar manches unterstellt und das Fehlen von Argumenten vorwirft, selbst aber kaum Gegenargumente liefert- dafür umso mehr Polemik.

  20. MJ sagt:

    Staubaufwirbelei!

    Warum ist das Gravitationsgesetz vage? Welche Prämisse ist nicht evident: die Schwerkraft? Wer sagt, irgendjemand solle dies alles “glauben”? Schlagen Sie nicht Schaum: Wenn sie eine Prämisse für nicht evident halten oder eine Theorie für vage, dann sagen Sie wenigsten welche und warum. Jonglieren mit wissenschafttheoretischen Begriffen ist Schattenboxerei, die jene freut, die “zweifeln”, ohne sich mit der Sache selbst beschäftigen zu wollen.

    Nochmals: Warum ist das Gravitationsgesetz vage, was ist eventuell nicht evident? Warum erlaubt die deutsche Sprache Satzkonstrukte wie “eine der Entstehung … vorausliegende Bedingung der Möglichkeit”? Um mit der 0815-Festellung “Wo etwas ist, muss dieses auch möglich und irgendwie enstanden sein” Theoretiker spielen zu können? Was daran soll genau eine gemeinsame “Denkstruktur” mit der Religion darstellen (die deswegen das Argument schwächt, schätze ich)? Und soll ich mir jetzt die Nase abschneiden, weil Hitler auch eine hatte? Fragen über Fragen.

  21. Alois Mantler sagt:

    Gut gebrüllt, Ewald!

  22. ewald huber sagt:

    Das Zitat argumentiert kaum anders als die Religionen:

    Ein vages Gesetz (“wie das der Schwerkraft”) wird als unhintergehbare Voraussetzung von allem postuliert. Zwar kann sich das Universum selbst schaffen, was im Verhältnis zu den Religionen originell klingt, aber die Entstehung des Universums ist ebenso bedingt wie bei der Annahme eines göttlichen Ursprungs. “WEIL es”, wie das Zitat erklärt, “ein Gesetz wie das der Schwerkraft gibt”, kann sich das Universum selbst schaffen. Mit dieser Annahme begibt sich die Theorie in die traditionelle Denkstruktur der Religionen. Beide haben gemeinsam, dass sie eine der Entstehung des Universums vorausliegende Bedingung der Möglichkeit postulieren.
    Wenn das Gravitationsgesetz an die Stelle Gottes tritt, ändert sich das Argumentationsmuster lediglich inhaltlich, die Denkstruktur wird aber beibehalten.

    Diese auf dieser Denkform aufbauende Kontroverse tritt seit dem Zeitalter der Aufklärung auf der Stelle und negiert neuere denkerische Ansätze.
    Egal ob religiös oder nicht: Theorien sind nichts anderes als Konstrukte, die heuristischen Wert haben können. Sie bauen auf Prämissen, die als evident angenommen werden und somit nicht Wahrheiten, sondern Postulate darstellen.
    Alles weitere ist Glaubenssache.

  23. Sophie sagt:

    Stephen Hawking lässt einmal wieder von sich hören, und das mit einem neuen (was man bis jetzt gehört hat) klasse Buch.
    Man muss vor diesem Mann wirklich seinen Hut ziehen, denn was er unter seinen Umständen leistet ist echt Wahnsinn.
    Schon das Buch im Jahre 1991 “Eine kurze Geschichte der Zeit” war fundamental und zeigt die Sichtweise von Hawking ganz eindeutig.
    Daher bin ich schon auf die Vollversion seines neuen Buches gespannt.
    Auch wenn er in diesem Werk Abstand von der Schöpfungsgeschichte nimmt (die er ja einmal vertreten hat und das neben dem Sein des universums).
    Also große Vorfreude ;)

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