Stefan Grissemann

Berlinale 2012 (I): Filmfestivals? Wozu?

Filmfestivals sind kuriose Veranstaltungen, die diesjährige Berlinale bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Da wird eine – zugegeben sogar unter widrigsten Umständen noch virtuose – amerikanische Filmschauspielerin (Meryl Streep) mit einem Ehrenbären ausgerechnet in jenem Jahr geehrt, in dem sie mit dem absurdesten Film ihrer Karriere am Start steht: mit dem Thatcher-Biopic „The Iron Lady“, das man unbedingt gesehen haben muss (ab 2. März in Österreichs Kinos), wenn man ermessen können will, wie die Mainstream-Filmindustrie inzwischen mit politischen Stoffen umgeht. „The Iron Lady“ ist tatsächlich eine Art Heiligsprechung der inzwischen an Alzheimer erkrankten britischen Ex-Premierministerin, eine Verklärung der konservativen Hardlinerin als feministische Pionierin, als hätten Regisseurin Phyllida Lloyd und Drehbuchautorin Abi Morgan selbst den Schleier der Demenz über ihr Projekt gebreitet. Der von Thatcher angezettelte Falkland-Krieg nimmt in dieser Inszenierung gerade mal so viel Raum ein wie das Interesse der Heldin an den jeweils aktuellen Butterpreisen. Das politische Tagesgeschäft wird sorglos zur kleinen Boulevardkomödie verflacht, zum Hintergrundrauschen des Human-interest-Dramas einer bürgerlichen alten Dame, die von fernen Zeiten träumt und den Kontakt zur Wirklichkeit längst verloren hat. Der „Eisernen Lady“ wird hier mit menschlicher Wärme, Herzensgüte und samtenen Handschuhen zu Leibe gerückt – sonst könnten am kalten Metall ja noch die Finger gefrieren.

Andererseits werden auf Filmfestspielen dieser Art die Marktgesetze auch herzhaft ausgehebelt: Wo sonst auf der Welt könnte man eine der in ihrer Präzision und Sinnlichkeit so radikalen Architektur-Inszenierungen des deutschen Kino-Künstlers Heinz Emigholz (in diesem Jahr: die lichte Pier-Luigi-Nervi-Studie „Parabeton“) auf monumentaler Leinwand und gemeinsam mit mehreren Hundert hochkonzentrierten Zuschauern sehen? Wo sonst käme der kapriziösen Schönheit eines Films wie Miguel Gomes’ „Tabu“, der Kunst und Natur, Kinoerzählung und Kinomaterial, Cinephilie und Kolonialgeschichte derart leichthändig zu mischen versteht, die Aufmerksamkeit der versammelten internationalen Filmkritik zu? Wo sonst könnte ein skrupulöser Regisseur wie Christian Petzold, der in „Barbara“, wieder mit der kongenial analytischen Schauspielerin Nina Hoss, subtiler und antidramatischer denn je deutsch-deutsche Historie auslotet, zu Everybody’s Darling avancieren? Und wo sonst würde 2012 von einem Griechenland überhaupt noch erzählt werden können, das mit den Begriffen Krise, Geld und Hilfspaket nichts am Hut hat, gäbe es nicht Filme wie Spiros Stathoulopoulos’ „Metéora“, der nicht nur von einer Liebe zwischen Mönch und Nonne berichtet, sondern dafür auch eine wahrhaft abseitige, aber edle Form entwickelt hat und (genau wie die beiden davor erwähnten Filme) sogar mit einem Platz im diesjährigen Berlinale-Wettbewerbsprogramm bedacht wird?

Das Kino braucht eben, um seine Aura, seine Gewalt zu entfalten, jenen geschützten Raum, den nur die großen Filmfestivals bieten können: einen Raum abseits nachlässiger Multiplex-Projektionen und jenseits der Frage nach der unmittelbaren monetären Profitabilität. Dafür nimmt man den Wahnwitz einer Thatcher-Hagiografie sogar gern in Kauf.

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