Stefan Grissemann

Berlinale 2012 (II): Plädoyers für eine Revision

Auch dies gehört zum Festivalbetrieb: Bisweilen beginnen zwei Filme, die voneinander nichts wissen, sich gegenseitig zu beleuchten und zu bereichern, über die eigenen Grenzen hinaus zu treten, auszuufern und einzusickern in die Erfahrung des jeweils anderen Werks. Das ist der Festivalglücksfall, die sprichwörtliche Spur, die von einem Film zum anderen (und weiter) führt. In Berlin 2012 stellte sich dieser Glücksfall bei zwei Produktionen ein, die sich besonders schwierige Ziele gesteckt, besonders heikle Themen behandelten. Zunächst konnte man, in der Forum-Schiene, Philip Scheffners dokumentarischen Recherchefilm „Revision“ entdecken, eine Arbeit aus Deutschland, die einen 20 Jahre alten Mordfall neu aufrollt – den Tod zweier Roma in einem Maisfeld an der deutsch-polnischen Grenze. Eine Jägergruppe hatte die beiden Männer in den frühen Morgenstunden mit explosiven Projektilen getötet, angeblich, weil man die Flüchtlinge mit Wildschweinen verwechselt hatte. Scheffner besucht die Hinterbliebenen, die Familien der Toten in Rumänien, befragt Zeugen von damals, Sachverständige und Beamte, die damals Dienst hatten, einen Journalisten und den Anwalt eines Todesschützen; er stößt dabei auf massive Widersprüche, auf Prozessverschleppungen und einen bedrückenden Mangel an Empathie auf deutscher Seite. Die sehr offene, prozessuale, gerade darin aber auch sehr starke Form macht „Revision“ so eindrücklich.
Ganz am Ende der 62. Berlinale fand sich dann, dazu passend, noch ein Spielfilm im Wettbewerbsprogramm, mit dessen Wirkung niemand gerechnet hatte: eine beklemmend still inszenierte Geschichte über die Angst, über die mühsam unterdrückte Panik in der ungarischen Roma-Gemeinde, die sich mörderischen Gewaltakten ausgesetzt sieht – und auf die rassistischen Killerbrigaden, die irgendwann zuverlässig auftauchen werden, nur warten kann. Der junge Regisseur Bence Fliegauf aus Budapest legt in „Just the Wind“ ein erschreckendes, auf Fakten beruhendes Drama vor, das nichts weniger als Ungarns alltäglichen Faschismus analysiert und körperlich, räumlich nachvollziehbar macht. Zwei Berlinale-Premieren, zwei dringende Plädoyers für die grundlegende Revision einer Gesellschaft, die dabei ist, sich in ihren Ressentiments selbst abzuschaffen.

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