Es gehörte einiges dazu, aus dem überraschend starken Programm, das die 62. Internationalen Filmfestspiele in Berlin bereit hielten, sich ausgerechnet ein Werk des freundlichen Mittelmaßes für den Hauptpreis vorzubehalten. Jury-Präsident Mike Leigh entschied sich mit seinem Team nicht für inszenatorische Feinmechanik, nicht für radikale Gegenwärtigkeit und schon gar nicht für die avancierte Form, sondern für das sozial und politisch Korrekte, für zwei fraglos liebenswerte Veteranen des italienischen Kinos, für Paolo und Vittorio Taviani, deren jüngste Arbeit am Samstagabend den Goldenen Bären der Berlinale 2012 erhielt. Dabei fällt ihr „Cesare deve morire“ („Caesar muss sterben“) hinter Debatten zurück, die im Kino schon seit Jahrzehnten (und anderswo viel analytischer) geführt werden: Fragen zur Überblendung von Dokumentarischem und Fiktionalem, von Sein und Schein, Spiel und Leben.
Die Tavianis verfolgen in „Cesare deve morire“ die Probenprozesse einer Theaterproduktion in der römischen Haftanstalt Rebibbia. Sie zeigen uns, wie sich die schweren Jungs jene Leichtigkeit erarbeiten, die nicht gerade simplen Texte aus William Shakespeares „Julius Caesar“ einigermaßen mitreißend über die Rampe zu bringen. Schön zu sehen, wie da ehemalige Gewaltverbrecher sich der hohen Sprache Shakespeares annehmen und dabei auf eigene Lebenserfahrungen zurückgreifen, dabei auch einen bisweilen leicht beängstigenden, durchaus real anmutenden Zorn einbringen. Aber was genau sagt uns all das? Wohl nicht viel mehr als dies: Die Kunst kann uns, ansatzweise wenigstens, zu besseren Menschen machen, und in fast jedem von uns schlummert ein Darsteller, kann die Lust, sich spielend zu verwandeln, manifest werden. Und überhaupt: Ist nicht auch das Leben selbst nur eine Bühne? Man sieht: Sehr weit führen die Erkenntnisse, die „Cesare deve morire“ immerhin rechtkraftvoll zu vermitteln hat, nicht.
Ein Silberner Bär ging indes an den Berliner Filmemacher Christian Petzold (für die beste Regie, die man in seinem unterkühlten DDR-Drama „Barbara“ leicht erkennen konnte ), und als beste Schauspieler wurden zwei junge Unbekannte ausgezeichnet: die kongolesische Debütantin Rachel Mwanza für ihre Performance in „Rebelle“ sowie der Däne Mikkel Boe Folsgaard (für den auch mit dem Drehbuchpreis bedachten Historienfilm „Die Königin und der Leibarzt“). Zudem gewann der deutsche, vorzugsweise in China arbeitende Kameramann Lutz Reitemeier als Fotograf des epischen Geschichtspanoramas „White Deer Plain“ einen Silberbären für die „herausragende künstlerische Leistung“. Mit dem Sonderpreis wurde dann noch die Schweizer Filmemacherin Ursula Meier bedacht, deren ungewöhnliche Sozialstudie wie Petzolds „Barbara“ zu den Publikums- und Kritikerfavoriten zählte. Und es gab einen Neuzugang im Olymp des europäischen Autorenfilms zu verzeichnen: Den Großen Preis der Jury erhielt, sehr verdient, der junge ungarische Regisseur Bence Fliegauf für sein eigenwillig inszeniertes, gerade in seiner Zurückhaltung, in seiner latenten Gewalt so beklemmendes Roma-Drama „Just the Wind“.
Nur die gewagteste Produktion im diesjährigen Wettbewerb wurde am Ende ein wenig unter ihrem Wert geschlagen: Miguel Gomes’ Kino- und Kolonialismus-Wunderwerk „Tabu“ wurde lediglich mit dem Alfred-Bauer-Preis, der für filmischen Innovationsgeist vergeben wird, und dem Kritikerpreis der Fipresci geehrt. Aber das ist vermutlich das Schicksal jener Künstler, die über den Konventionsrahmen ihres Mediums weit hinaus denken: Man erkennt am Rande ihre Kühnheit an, aber in der direkten Konfrontation mit dem leichter Nachvollziehbaren haben sie fast immer Nachrang.
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