Tina Goebel

Luzifer in Afghanistan

Ethik. Ein Video, auf dem amerikanische Soldaten auf afghanische Leichen urinieren, sorgt weltweit für Entsetzen. Aber warum eigentlich? Bereits Anfang der Siebziger wies der amerikanische Psychologe Philip Zombardo durch das berühmte Gefängnis-Experiment nach, dass Menschen in einer solchen Situation beinahe automatisch ihre ethischen Grundsätze über Bord werfen und zu grausamen Monstern mutieren. Zombardo simulierte damals an der Universität Stanford eine Gefängnis-Situation und wählte mittels Zufallsverfahren Studenten aus, die zwei Wochen lang Wächter oder Inhaftierte sein sollten.

Das Experiment musste jedoch nach kurzer Zeit abgebrochen werden, da die Wächter bereits nach einigen Tagen eine derartige Aggression gegenüber den Inhaftierten entwickelten und diese in Momenten, in denen sie sich unbeobachtet fühlten, quälen und schikanieren wollten. Zimbardo selbst war entsetzt, wie gewöhnliche Studenten binnen kürzester Zeit zu derartigen Monstern mutieren konnten. Zimbardo bezeichnete dieses Verhalten als Luzifer-Effekt. Unser Verhalten ist demnach viel mehr durch äußere Umstände gelenkt, als uns allen lieb ist. Siehe dazu auch die Titelgeschichte Warum wir gut oder böse sind.

Was lernen wir daraus? Anstatt Menschen für ihr Verhalten zu dämonisieren, sollten wir eher versuchen zu begreifen, was sie zu derartig schockierenden Taten treibt. Wir wissen nämlich nicht, wie wir in dieser Situation reagiert hätten. Genau so wenig wie wir wissen, wie wir uns damals im Zweiten Weltkrieg verhalten hätten. Wir können aus heutiger Sicht zwar leicht die Verbrechen der Nationalsozialisten verurteilen, doch wie hätten wir damals gehandelt? Hätten wir wirklich im Untergrund gegen das Regime gekämpft und unser Leben riskiert? Was lässt uns heute so sicher sein, dass wir doch bestimmt nie glühende Anhänger Hitlers geworden wären?

Es bleibt nur zu hoffen, dass wir nie in eine derartige Lage kommen, in der unser Gewissen so derart geprüft wird. Und wenn, dass wir dem Luzifer-Effekt stand halten, was nur durch genügend Wissen gelingen kann, um sich Schlüsselsituationen bewusst zu werden und reflektieren zu können.

Zimbardo setzte sich bereits 2004 für jene US-Soldaten ein, die im Abu-Ghuraib-Folterskandal verurteilt wurden. Er plädierte für mildere Strafen, da eben die Umstände in den irakischen Gefängnissen sie zu ihrem Verhalten getrieben hätten. Doch die Gerichte entschieden sich für die Höchststrafe. Verurteilen und dämonisieren ist eben leichter als unseren freien Willen in Frage zu stellen.

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2 Antworten zu “Luzifer in Afghanistan”

  1. Christian Fiala sagt:

    Luzifer bedeutet der ‘Licht-Träger’, derjenige, der Licht in das Dunkel bringt. Das Gegenteil vom negativ besetzen Dämon oder Teufel. Es ist eine vielsagende Umdeutung der Kirche, dass diejenigen, die Verstehen wollen, die Licht ins Dunkel bringen wollen, dämonisiert werden. Aber es ist zumindest konsequent von einer Kirche, die die Menschen aus dem Paradis vertrieben hat, weil sie vom Baum der Erkenntnis gegessen haben.

  2. Paul M. Sills sagt:

    In erster Linie gehören nicht die Täter bestraft, sondern ihre Vorgesetzten, die außerhalb des unmittelbaren Geschehens in komfortablen Büros sitzen und sich nicht ausreichend darum kümmern, was draußen passiert. Und natürlich die “Entsender”, die Soldaten in unsinnige Kriege schicken. Würde zumindest in Demokratien nach diesem Prinzip vorgegangen, würden Politiker es sich dreimal überlegen, aus ideologischen / politischen Gründen einen Krieg vom Zaun zu brechen.

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